Heinrich Hoffmann


Bernhard von Clairvaux

Buch an die Tempelritter -
Lobrede auf das neue Rittertum


Vorrede

Bernhard, nur dem Namen nach Abt von Clairvaux, grüßt Hugo, den Ritter und Meister der Ritterschaft Christi: Kämpfe den guten Kampf!

Einmal und wohl auch ein zweites und drittes Mal, wenn ich mich nicht täusche, liebster Hugo, hast du mich gebeten, Dir und Deinen Waffenbrüdern eine Predigt der Ermunterung zu schreiben und gegen die feindliche Macht der Tyrannen meinen Griffel zu schwingen, da es mir nicht erlaubt ist, dies mit der Lanze zu tun. Du behauptest, es sei von nicht geringem Nutzen, daß ich Euch mit einer Schrift ermutige, wenn ich es mit Waffen schon nicht tun kann. Ich habe es eine Zeitlang aufgeschoben, nicht weil ich die Bitte abschlagen wollte, sondern damit man mich nicht beschuldige, meine Zustimmung leichtfertig und voreilig gegeben zu haben. Denn ich stünde als Prahler da, wenn ich mir in meiner Unerfahrenheit das anmaßte, was ein Besserer besser auszuführen vermöchte, und eine an sich äußerst notwendige Angelegenheit wäre durch mich nicht zur Genüge behandelt. Da ich aber jetzt sehe, daß ich vergeblich auf jemanden gewartet habe, habe ich schließlich das mir Mögliche getan, um nicht den Anschein zu erwecken, eher unwillig als unfähig zu sein. Der Leser möge beurteilen, ob ich entsprochen habe. Auch wenn jemand daran entweder keinen Gefallen findet, oder die Arbeit den Anforderungen nicht genügt, liegt es doch nicht an mir, der ich Deinem Wunsch entsprochen habe, so gut ich konnte.

 

I. Mahnrede an die Tempelritter

1. Überall in den Ländern und in jener Gegend, die Christus in Menschengestalt und als aufstrahlendes Licht aus der Höhe besucht hat, hört man seit kurzem, es sei eine neue Schar von Rittern aufgetreten. Dort, von wo er in der Kraft seines Armes die Fürsten der Finsternis verscheuchte, will er auch ihre Anhänger, die Söhne des Unglaubens, zersprengen und vernichten durch die Hand seiner starken Streiter. Er schafft auch heute seinem Volk Erlösung und errichtet uns das Horn des Heils im Hause seines Knechtes David. Es handelt sich, sage ich, um ein neues, der Welt noch unbekanntes Rittertum, das einen zweifachen Kampf zugleich unermüdlich kämpft, nämlich den gegen Fleisch und Blut und den gegen die bösen Geister des himmlischen Bereiches. Wenn man nur mit Körperkraft einem körperlichen Feind Widerstand leistet, so sehe ich das allerdings weder als wunderbar an, noch halte ich es für eine Seltenheit. Aber auch dann, wenn man in tapferer Gesinnung den Lastern und Dämonen den Krieg erklärt, scheint mir das nicht so großartig zu sein, auch wenn es lobenswert ist, denn man sieht ja, daß die Welt voll von Mönchen ist.

 Aber wenn beide Menschen in einer Person, ein jeder sich kraftvoll mit dem Schwert umgürtet, sich ehrenvoll durch sein Zingulum auszeichnet, wer würde einen solchen nicht aller Bewunderung für höchst würdig erachten, zumal es sich ja um Außergewöhnliches handelt? Ein solcher ist jedenfalls ein unerschrockener Ritter, allenthalben gefeit; er umgibt seinen Leib mit dem Panzer aus Eisen, seine Seele aber mit dem des Glaubens. Da er nun durch beiderlei Waffen geschützt ist, fürchtet er weder Teufel noch Menschen. Nicht einmal vor dem Tode ist dem bange, der sich zu sterben sehn. Denn was könnte der im Leben oder im Tode fürchten, dem Christus Leben und Sterben Gewinn ist Er setzt sich treu und freudig für Christus ein; aber mehr sehnt er sich danach, aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein: Das ist nämlich besser. Schreitet also sicher voran, ihr Ritter, und vertreibt unerschrocken die Feinde des Kreuzes Christi in der Gewißheit, daß weder Tod noch Leben euch von der Liebe Gottes trennen kann, die sich in Christus Jesus offenbart. In jeder Gefahr wiederholt für euch das Wort: „Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn “ (Röm 14,8) Wie ehrenvoll kehren die Sieger aus der Schlacht zurück! Wie selig sterben sie als Märtyrer im Kampf! Freue dich, starker Kämpfer, wenn du im Herrn lebst und siegst! Aber noch mehr frohlocke und rühme dich, wenn du stirbst und dich mit dem Herrn vereinst. Das Leben ist fruchtbringend an Werken, und der Sieg ist ruhmvoll. Beiden aber wird ein seliges Sterben zu Recht vorgezogen. Denn wenn schon die selig sind, die im Herrn sterben“ (Off 14,13), sind es dann nicht vielmehr jene, die für den Herrn sterben?

 2. Ob nun einer auf seinem Lager oder auf dem Schlachtfeld stirbt, der Tod sexainer Heiligen wird ohne Zweifel kostbar in den Augen des Herrn sein. In der Tat aber ist der Tod im Kampf um so kostbarer, je ruhmvoller er ist. O sicheres Leben, wenn das Gewissen rein ist! Ja, ich sage, sicher ist ein Leben dann, wo der Tod ohne Furcht erwartet, ja sogar voll Wonne ersehnt und mit Hingabe empfangen wird! O wahrhaft heiliger und sicherer Heeresdienst und von einer zweifachen Gefahr gänzlich frei, in die diese Art Menschen (die Ritter) oft zu geraten pflegt, wenn nicht Christus allein die Ursache des Kampfes ist. Denn sooft du dich in weltlichem Heeresdienst in den Kampf stürzt, ist allerdings zu befürchten, daß du entweder den Feind zwar leiblich, dich aber seelisch tötest - oder daß du von ihm zugleich dem Leib und der Seele nach getötet wirst. Die Gefahr oder der Sieg des Christen wird nämlich nach der inneren Gesinnung und nicht nach dem Kriegsglück beurteilt. Wenn nun die Sache des Kämpfenden eine gerechte ist, da wird ihr Ausgang nicht schlecht sein können, wie auch der Zweck nicht als gut beurteilt werden kann, wo ihm kein guter Beweggrund und keine rechte Absicht vorausgehen. Wenn es so kommt, daß du selber in der Absicht, einen anderen zu töten, getötet wirst, stirbst du als Mörder. Wenn du die Oberhand gewinnst und in der Absicht zu siegen und dich zu rächen, von ungefähr einen Menschen tötest, dann lebst du als Mörder. Es nützt aber weder dem Toten noch dem Lebenden, weder dem Sieger noch dem Besiegten, ein Mörder zu sein. Unglücklich der Sieg, bei dem du einen Menschen besiegst, dabei aber dem Laster unterliegst und dich vergeblich rühmst, einen überwunden zu haben, während du von Zorn und Hochmut beherrscht wirst. Es gibt freilich auch solche, die einen Menschen umbringen, nicht so sehr aus Rachsucht oder aus Siegesbegehren, sondern nur, um einer Gefahr zu entrinnen. Aber nicht einmal diesen Sieg würde ich gut nennen, da es von den beiden Übeln das leichtere ist, dem Leibe nach zu sterben als der Seele nach. Nicht aber weil der Leib getötet wird, stirbt auch die Seele, sondern die Seele, die gesündigt hat, die wird sterben.“ (Ez 18,4)


II. Das weltliche Rittertum

 3. Was ist der Zweck, was die Frucht dieser weltlichen, ich nenne sie nicht Ritterschaft, sondern Verderbtheit, wenn dabei sowohl der Tötende eine Todsünde begeht als auch der Getötete ewig zugrunde geht? In der Tat - ich bediene mich der Worte des Apostels: Der Pflüger wie der Drescher sollen ihre Arbeit in der Erwartung tun, ihren Teil zu erhalten.“ (1 Kor 9,10) Welch staunenerregender Irrtum also, ihr Ritter, welch unerträgliche Raserei, Kriegsdienst zu leisten unter so vielen Auslagen und Mühen! Bei keinem anderen Sold als entweder Tod oder Verbrechen! Ihr bedeckt eure Pferde mit seidenen Decken und eure Panzer mit allen möglichen Überhängen und Tüchern; ihr bemalt die Speere, die Schilder und die Sättel; die Zügel und Sporen schmückt ihr ringsum mit Gold und Silber und Edelsteinen; mit so großer Pracht eilt ihr in beschämender Raserei und schamlosem Stumpfsinn in den Tod. Sind das militärische Abzeichen oder nicht vielmehr weibischer Putz? Meint ihr vielleicht, daß der Dolch des Feindes vor dem Gold zurückscheut, die Edelsteine schont und die Seide nicht zu durchbohren vermag? Schließlich gibt es für den Kämpfenden, was ihr ganz sicher öfters erfahrt, drei Bedingungen, die besonders notwendig sind, nämlich: Der tapfere und fleißige Ritter sei umsichtig, um sich selbst zu schützen; er sei frei zur Bewegung und beherzt zum Treffen. Ihr aber laßt euren Haarschmuck nach Weiberart wachsen, wodurch ihr euch noch die Sicht erschwert; ihr verwickelt eure Schritte in lange, kostspielige Hemden, ihr versenkt eure zarten und feinen Hände in weite und wallende Ärmel. Obendrein ist das ein ganz leichtfertiger und frivoler Grund, warum man einen solchen und so gefährlichen Kriegsdienst auf sich nimmt - was das Gewissen eines Bewaffneten noch mehr schrecken sollte. Nur die unvernünftige Leidenschaft des Zorns oder die Gier nach eitlem Ruhm oder die Begierde nach irdischem Besitz erregen und wecken unter euch Kämpfe und Streitigkeiten. Bei solchen Anlässen gewährt weder das Töten noch das Sterben Sicherheit.


III. Das neue Rittertum

 4. Die Ritter Christi aber kämpfen mit gutem Gewissen die Kämpfe des Herrn und fürchten niemals weder eine Sünde, weil sie Feinde erschlagen, noch die eigene Todesgefahr. Denn der Tod, den man für Christus erleidet oder verursacht, trägt keine Schuld an sich und verdient größten Ruhm. Hier nämlich wird für Christus, dort Christus selbst erworben. Er nimmt wahrlich den Tod des Feindes als Sühne gern an und bietet sich noch lieber seinem Streiter als Tröster dar. Ein Ritter Christi, sage ich, tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus. „Denn nicht ohne Grund trägt er das Schwert; er steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut, zum Ruhm aber für die Guten.“ (Röm 13,4; 1 Pet 2,14) ja, wenn er einen Übeltäter umbringt, ist er nicht ein Menschenmörder, sondern sozusagen ein Mörder der Bosheit, und mit Recht wird er als Christi Rächer gegen die Missetäter und als Verteidiger der Christenheit angesehen. Wenn er aber selbst umgebracht wird, ist es klar, daß er nicht untergegangen, sondern ans Ziel gelangt ist. Der Tod, den er verursacht, ist Christi Gewinn; wenn er ihn erleidet, sein eigener. Der Christ rühmt sich, wenn er einen Ungläubigen tötet, weil Christus zu Ehren kommt. Wenn ein Christ stirbt, offenbart sich die Hochherzigkeit des Königs, da der Ritter zur Belohnung geführt wird. Ja, über ihn wird der Gerechte frohlocken, wenn er die Vergeltung sieht. Über ihn sagen die Menschen: Gibt es denn für den Gerechten einen Lohn? Gewiß, es gibt einen Gott, der auf Erden Gericht hält (Ps 57,11f) Allerdings dürfte man die Heiden nicht töten, wenn man sie auf einem anderen Weg von den maßlosen Feindseligkeiten und von der Unterdrückung der Gläubigen abhalten könnte. Nun aber ist es besser, daß sie beseitigt werden, als daß das Zepter des Frevels auf dem Erbland der Gerechten lasten soll, damit die Gerechten nicht etwa ihre Hände nach Unrecht ausstrecken.

 5. Was also? Wenn mit dem Schwert dreinzuschlagen für den Christen in keinem Fall erlaubt ist, warum hat dann der Vorläufer Christi den Soldaten auferlegt, sie sollen mit ihrem Sold zufrieden sein, anstatt ihnen den Kriegsdienst ganz und gar zu verbieten? Wenn es aber jedenfalls allen erlaubt ist, die dazu durch Gottes Anordnung bestimmt sind, und die sonst nichts Höheres gelobt haben, wem - so frage ich - steht es besser an, als denen, durch deren starke Hand Zion, unsere befestigte. Stadt, zu unser aller Schutz gehalten wird? Sie wird gehalten, damit nach Vertreibung derer, die das göttliche Gesetz überschreiten, das gerechte Volk in Sicherheit einzieht, das dem Herrn die Treue bewahrt. Sicher sollen deshalb die Völker, die am Krieg Lust haben, zerstreut und zerhauen werden: solche Leute, die bei uns Unruhe stiften; alle sollen aus der Stadt des Herrn ausgerottet werden, die Unrecht tun. Sie arbeiten daran, die in Jerusalem niedergelegten unschätzbaren Reichtümer des christlichen Volkes zu rauben, das Heiligtum zu schänden und den heiligen Tempel Gottes in Besitz zu nehmen. Es sollen also beide Schwerter von den Gläubigen gegen die halsstarrigen Feinde gezückt werden, zu zerstören jeden Stolz, der sich gegen die Gotteserkenntnis erhebt, worin der christliche Glaube liegt. Und die Heiden sollen nicht sagen können: Wo ist ihr Gott?“ (Ps 113,2)

 6. Wenn diese ausgestoßen sind, wird er selbst in sein Erbe und in sein Haus zurückkehren, uüber das er erzürnt im Evangelium sagt: „Sieh“, so spricht er, „euer Haus wird verlassen“ (Mt 23,38), und durch den Propheten klagt er so: „Ich verließ mein Haus, ich verstieß mein Erbteil.“ (Jer 12,7) Und er wird so jenes Prophetenwort erfüllen: „Der Herr hat sein Volk erlöst und es befreit. Sie werden kommen und jubeln auf Zions Höhe, sie werden strahlen vor Freude über die Gaben des Herrn.“ (Jer 31,11f) Freue dich Jerusalem und erkenne die Zeit deiner Heimsuchung! „Brecht in Jubel aus, jauchzt alle zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr tröstete sein Volk, er erlöste Jerusalem. Der Herr machte seinen heiligen Arm frei vor den Augen aller Völker.“ (Jes 52,9f) Du Jungfrau Israel, du warst gefallen, und es war keiner da, der dich aufhob. Steh auf, schüttle den Staub von dir ab, Jungfrau, gefangene Tochter Zions! Steh auf, sage ich, und steig auf die Höhe! Schaue die Freude, die von deinem Gott zu dir kommt! „Nicht länger nennt man dich die Verlassene und dein Land 'Das Ödland'. Denn der Herr hat an dir seine Freude, und dein Land wird bewohnt werden.“ (Jes 62,4) Blicke auf und schaue umher! Alle versammelten sich und kamen zu dir.“ (Jes 49,18) Das ist die Hilfe, die dir vom Heiligtum gesandt wurde. Durch sie wird dir ja bald die alte Verheißung erfüllt: Ich mache dich zum ewigen Stolz, zur Freude für alle Generationen. Du wirst die Milch der Völker saugen und an der Brust der Könige trinken.“ Und ebenso: „Wie eine Mutter ihre Kinder tröstet, so tröste ich euch, und in Jerusalem findet ihr Trost!“ (Jes 66,13). Siehst du nicht, wie das neue Rittertum so oft durch das Alte Testament bezeugt wird? Und daß wir es, „so wie wir es gehört haben, in der Stadt des Herrn der Heere schauen?“ (Ps 47,9) Allerdings soll die wörtliche Auslegung die geistliche Bedeutung nicht beeinträchtigen: Wir erhoffen nämlich für die Ewigkeit, was wir zur Deutung dieser Zeit aus den Worten der Propheten entnehmen: Der Glaube möge durch das Sichtbare nicht verlorengehen, der jetzige Mangel den Reichtum an Hoffnung nicht mindern; die gegenwärtigen Güter mögen die künftigen nicht entkräften. Im übrigen zerstört der zeitliche Ruhm der irdischen Stadt nicht die himmlischen Güter, sondern vermehrt sie. Nur dürfen wir kein Bedenken haben, daß diese Stadt das Urbild jener darstellt, die unsere Mutter im Himmel ist.


IV. Die Lebensweise der Tempelritter

 7. Nunmehr zur Nachahmung oder besser zur Beschämung unserer Ritter, die wahrlich nicht für Gott, sondern für den Teufel streiten, wollen wir - damit der Unterschied zwischen dem Heere Gottes und dem der Welt klar aufscheine - in Kürze über die Sitten und das Leben der Ritter Christi sprechen, wie sie sich in Krieg und Frieden verhalten. Zunächst fehlt keinem von beiden die Zucht, und der Gehorsam wird keineswegs verachtet, weil nach dem Zeugnis der Schrift ein ungezogener Sohn zugrunde geht, und „Trotz ist ebenso eine Sünde wie Zauberei; Widerspenstigkeit ist ebenso ein Frevel wie Götzendienst.“ (1 Sam 15,23) Man geht und kommt auf den Wink eines Vorgesetzten, man zieht an, was er gibt, und man nimmt weder Kleidung noch Nahrung von anderswoher. In Nahrung und Kleidung hütet man sich vor Überfluß, man sorgt nur für das Notwendige. Man lebt in Gemeinschaft in froher und nüchterner Geselligkeit ohne Frauen und ohne Kinder. Und damit an der evangelischen Vollkommenheit nichts fehle, wohnen sie ohne jeglichen Besitz einmütig in einem Hause und sind bestrebt, die Einheit des Geistes im Band des Friedens zu wahren. Man könnte sagen, diese ganze Gemeinschaft sei ein Herz und eine Seele: auch so, daß ein jeder seinem Willen in keiner Weise folgt, sondern mehr sich bemüht, dem Befehlenden zu gehorchen. Niemals sitzen sie müßig da oder wandern neugierig umher, sondern immer wenn sie nicht in den Kampf ziehen - was selten geschieht -, setzen sie, um das Brot nicht müßig zu essen, beschädigte Waffen oder Kleider wieder in Stand oder flicken die alten und bringen die schlampigen in Ordnung. Kurz und gut: sie vollziehen, was der Wille des Meisters und der gemeinsame Nutzen auferlegen. Bei ihnen gibt es überhaupt kein Ansehen der Person; dem Besseren und nicht dem Adeligeren erweist man Ehre. Sie kommen einander in Ehrenbezeigungen zuvor, sie tragen gegenseitig ihre Lasten, um so das Gesetz Christi zu erfüllen. Unverschämte Worte, unnütze Beschäftigungen, ungezügeltes Lachen, sogar leises Murren oder lautes Brummen werden, wenn es an den Tag kommt, immer bestraft. Sie verabscheuen Schach- und Würfelspiel, sie lehnen die Jagd ab, sie vergnügen sich nicht mit der Vogelbeize, wie sie sonst geübt wird. Schauspieler, Zauberer, Märchenerzähler, unsaubere Lieder und Schaustellungen von Possen verachten und verabscheuen sie als Eitelkeit und Lüge. Sie scheren sich die Haare, da sie wohl wissen, daß es auch nach dem Apostel für einen Mann eine Schande ist, die Haare lang zu tragen. Niemals gekämmt, selten gebadet, erscheinen sie vielmehr borstig, weil sie die Haarpflege vernachlässigen, vom Staub beschmutzt, von der Rüstung und von der Hitze gebräunt.

 8. Droht dann der Krieg, rüsten sie sich innerlich mit Glauben, nach außen mit Eisen, und nicht mit Gold, damit sie durch Waffen den Feinden Angst einjagen, und nicht durch Schmuck deren Habgier herausfordern. Starke und schnelle Pferde wollen sie haben, nicht bunt behangene und mit Brustschmuck gezäumte. Den Kampf, und nicht die Pracht, den Sieg, und nicht den Ruhm haben sie im Sinn; sie mühen sich mehr, Furcht zu erregen als Bewunderung. Sodann, nicht leidenschaftlich und ungestüm, nicht voreilig und überstürzt, sondern bedacht und mit aller Vorsicht und Vorsorge ordnen sie sich und stellen sich in der Schlachtreihe auf, wie es von den Vätern geschrieben ist . Denn die wahren Israeliten schreiten ruhig in den Kampf. Wenn es aber zum Kampfe kommt, dann lassen sie die gewohnte Gelassenheit beiseite und stürzen sich auf die Gegner, als ob sie sagen wollten. „Sollte ich die nicht hassen, Herr, die dich hassen, und die nicht verabscheuen, die sich gegen dich erheben?“ (Ps 139,21) Die Feinde erachten sie wie Schafe und niemals, auch wenn sie sehr wenige sind, fürchten sie weder wilde Barbarei noch zahlreiche Übermacht. Sie haben gelernt, nicht auf die eigenen Kräfte zu vertrauen, sondern den Sieg aus der Kraft des Herrn der Heerscharen zu erhoffen; sie sind vollkommen überzeugt, daß es ihm, nach dem Ausspruch des Makkabäers, ein Leichtes ist, „viele wenigen in die Hände fallen zu lassen; für den Himmel macht es keinen Unterschied, ob er durch viele oder wenige Rettung bringt. Denn der Sieg im Kampf liegt nicht an der Größe des Heeres, sondern an der Kraft, die vom Himmel kommt.“ (1 Makk 3,18) Das haben sie oft erfahren, daß viele Male ein einziger Tausende verfolgte und zwei Zehntausende in die Flucht schlugen. In der Tat sieht man, wie sie auf eine wunderbare und einzigartige Weise sanfter sind als die Lämmer und wilder als die Löwen, so daß ich im Zweifel wäre, was ich sie eher nennen sollte, nämlich Mönche oder Ritter, wenn ich sie nicht schon wohl recht zutreffend beides genannt hätte. Denn ihnen fehlt, wie man sieht, keines von beiden, weder die Sanftmut des Mönches noch die Tapferkeit des Kriegers. Was soll man darüber sagen als: „Der Herr hat es vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder?“ (Ps 117,23) Solche hat sich Gott erwählt, und er sammelte sie als Diener von den Grenzen der Erde aus den Stärksten Israels, auf daß sie das Ruhelager des wahren Salomo, das Grab, bewachen und treu beschützen sollen, alle mit dem Schwert vertraut, geschult für den Kampf.


V. Der Tempel

 9. In Jerusalem aber steht ein Tempel, in dem sie beisammen wohnen, zwar jenem ehrwürdigen und berühmten des Salomo ungleich in der Bauart, aber nicht geringer an Herrlichkeit. Die ganze Pracht des ersten bestand ja in vergänglichem Gold und Silber, in den Quadersteinen und in den verschiedenen Hölzern; die ganze Schönheit, die Anmut und der Schmuck des zweiten aber ist die fromme und genau geordnete Lebensweise der Bewohner. Der erste war sehenswert wegen der verschiedenen Farben; dieser ist wegen der mannigfaltigen Tugenden und heiligen Taten verehrungswürdig. Denn dem Hause Gottes gebührt Heiligkeit; Gott erfreut sich nicht so sehr an poliertem Marmor als an tugendhaften Sitten und liebt die reinen Herzen mehr als vergoldete Wände. Auch die Außenseite dieses Tempels wird geschmückt, jedoch mit Waffen, nicht mit Edelsteinen. Und statt der alten, goldenen Kränze ist die Wand ringsum mit Schilden bedeckt; anstatt der Leuchter, der Weihrauchfässer und Kännchen ist das Haus überall mit Zaumzeug, Sätteln und Lanzen zur Verteidigung ausgestattet. Dies sind die klaren Beweise: Die Ritter entbrennen im gleichen Eifer für das Haus Gottes, wie einst er selbst, der Anführer der Ritter: Als er damals den Tempel betrat, von mächtiger Zorneswut entflammt, bewaffnete er seine heilige Hand nicht mit dem Schwert, sondern mit einer Geißel, aus Stricken gemacht, und vertrieb die Händler, verschüttete das Geld der Wechsler und warf die Tische der Taubenhändler um; er erachtete es für höchst unwürdig, daß das Haus des Gebetes mit solchen weltlichen Geschäften verunreinigt werde. Vom Beispiel eines solchen Königs angeregt, hält sich das ihm dienende Heer in den heiligen Hallen mit Pferden und Waffen auf. In der Tat, es kommt ihm viel unwürdiger und bei weitern unerträglicher vor, daß das Heiligtum von den Ungläubigen entweiht und angegriffen wird statt, von Händlern. Und wenn sie die Ungläubigen mit all ihrer gemeinen und tyrannischen Wut vom Tempel und den anderen heiligen Orten vertrieben haben, beschäftigen sie sich an ihrem Wohnort Tag und Nacht mit ehrbaren und nützlichen Arbeiten. Um die Wette ehren sie den Tempel Gottes in ständigem und aufrichtigem Dienst, indem sie mit immerwährender Hingabe, nicht nach dem Brauch der Alten das Fleisch von Opfertieren, sondern die wahrhaft friedlichen Opfer, nämlich Bruderliebe, hingebungsvolle Unterwerfung und freiwillige Armut darbringen.

 10. Dies alles geschieht in Jerusalem, und die Welt gerät in Erregung. Es hören die Inseln, und ferne Völker merken auf , und von Osten und von Westen begeistern sie sich, wie ein Strom, der die Völker mit Ruhm überflutet, und wie der Andrang des Flusses, der die Gottesstadt erquickt. Und das sieht man mit größerer Freude, das bringt mehr Nutzen, daß sich in dieser so großen Gemeinschaft vor allem jene zusammenfinden, die vorher Verbrecher, Gottlose, Räuber, Kirchenschänder, Mörder, Meineidige und Ehebrecher waren. Aus ihrer Bekehrung entsteht, wie bekannt, ein zweifacher Vorteil: Die Freude ist zweifach, denn sie erfreuen sowohl die Ihren durch ihren Abgang als auch die, welchen sie durch ihre Ankunft schnelle Hilfe bringen. Sie nützen also überall, nicht nur, indem sie diese schützen, sondern auch, indem sie jene nicht mehr bedrücken. Und so freut sich Ägypten über ihren Aufbruch, während der Zionsberg sich über ihren Schutz freut und die Töchter Judas frohlocken. Ägypten rühmt sich mit Recht, von ihrer Hand befreit, Zion, in ihrer Hand frei zu sein. Jenes entbehrt sehr gern seine grausamsten Verwüster, dieses nimmt mit Freuden seine treuesten Verteidiger auf. Wodurch dieses aufs angenehmste getröstet wird, wird jenes recht zu seinem Heil verlassen. ja, so weiß Christus sich an seinen Feinden zu rächen, daß er nicht nur über sie, sondern auch durch sie oftmals um so herrlicher triumphieren kann, je machtvoller er es vermag. Gewiß auf angenehme und vorteilhafte Weise! Jene, die er lange als Gegner ertrug, beginnt er nunmehr als Verteidiger zu haben, und aus dem Feind macht er einen Streiter, wie er auch einst aus Saulus dem Verfolger Paulus den Verkünder gemacht hat. Deshalb wundere ich mich nicht, wenn jene himmlische Versammlung nach den Worten des Heilands mehr über einen einzigen Sünder frohlockt, der Buße tut, als über zahlreiche Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Die Bekehrung des Sünders und Bösewichts nützt zweifelsohne ebensoviel, als früher sein Lebenswandel geschadet hat.

 11. Sei also gegrüßt, du heilige Stadt, die der Allerhöchste selbst sich als sein Wohnzelt geheiligt, damit in dir und durch dich so viele Menschen gerettet werden. Sei gegrüßt, du Stadt des großen Königs, aus der seit Anbeginn zu keiner Zeit neue und für die Welt freudenbringende Wundertaten gefehlt haben! Sei gegrüßt, du Herrin der Völker, Fürstin der Länder, Besitztum der Patriarchen, Mutter der Propheten und Apostel, Ursprung des Glaubens, Ehre des christlichen Volkes. Gott ließ deshalb zu, daß du von Anfang an immer bekämpft wurdest, damit du den Starken ebenso Anlaß zu ihrer Tapferkeit wie zu ihrer Rettung seist. Sei gegrüßt, du Land der Verheißung, das du einst nur für deine Bewohner von Milch und Honig flossest, jetzt aber dem ganzen Erdkreis die Mittel des Heiles, die Nahrung des Lebens reichst. Du bist ein gutes, ja ein sehr gutes Erdreich, da du in deinen fruchtbaren Schoß aus dem Schatz des Vaterherzens das himmlische Samenkorn aufgenommen hast; du hast aus dem himmlischen Samen eine so reiche Saat an Märtyrern hervorgebracht. Als fruchtbarer Boden hast du sogar aus dem Rest der zurückgebliebenen Gläubigen eine dreißigfache, ja sechzigfache und hundertfache Frucht hervorgebracht, die sich auf der ganzen Erde verbreitet hat. Die von der großen Menge deiner Süße trefflichst Gesättigten und reichlichst Gespeisten verströmen daher allenthalben die Erinnerung an den Überfluß deiner Süße: Sie haben dich geschaut. Und bis an die Grenze der Erde sprechen sie denen, die dich nicht schauten, von der Herrlichkeit deines Ruhms und verkünden die Wundertaten, die in dir geschehen. „Herrliches hat man von dir gesagt, du Stadt Gottes“ (PS 86,3) Nun wollen auch wir von den Wonnen, von denen du überfließt, ein wenig künden, zum Lob und Ruhm deines Namens.


Vl. Bethlehem

 12. Vor allem zur Erquickung heiliger Menschen hast du Bethlehem vor dir, das Haus des Brotes, in dem zum ersten Mal jener, der vom Himmel herabgestiegen war, aus der Jungfrau geboren, als lebendiges Brot erschien. Dort wird den frommen Lasttieren die Krippe gezeigt und in der Krippe das Gras von der Wiese der Jungfrau, damit wenigstens auf diese Art der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn erkennt. „Denn alles Sterbliche ist wie das Gras, und all seine Schönheit wie die Blume des Grases.“ (Jes 40,6) Deshalb, weil der Mensch seine Ehre, in der er erschaffen wurde, nicht verstand, ist er den unvernünftigen Tieren verglichen und gleich geworden. Das Wort, das Brot der Engel, ward zum Futter der Lasttiere, damit der Mensch, der es verlernt hatte, sich mit dem Brot des Wortes zu nähren, das „Gras des Fleisches“ zum Wiederkäuen habe, damit er, durch den Gottmenschen zur früheren Würde zurückgeführt und aus dem Tier wieder zum Menschen geworden, mit Paulus sagen kann: „Und wenn wir auch Christus dem Fleische nach gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so.“ (2 Kor 5,16) Ich denke aber, daß niemand es in Wahrheit sagen kann, wenn er nicht zuvor mit Petrus aus dem Munde der Wahrheit jenes Wort gehört hat: ,Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und Leben. Das Fleisch aber nützt nichts.“ (Joh 6,64) Wer nun in den Worten Christi das Leben gefunden, sucht nicht mehr das Fleisch; er gehört zur Zahl der Seligen, die nicht sahen, und doch glaubten. Denn nur der Kleine braucht einen Becher Milch, und nur das Lasttier braucht etwas Heu. Wer aber durch Worte nicht verletzt, der ist ein vollkommener Mann und fähig, feste Speise zu sich zu nehmen, und er ißt, wenn auch im Schweiße seines Angesichts, das Brot des Wortes ohne Anstoß. Sicher aber und ohne Ärgernis verkündet er die Weisheit Gottes, doch nur unter den Vollkommenen. Er bereitet geistige Speise den geistig Gesinnten, während er den Unmündigen und tierisch Gesinnten gegenüber wegen ihrer geringen Fassungskraft Vorsicht übt, wenn er ihnen nur Jesus, und diesen als den Gekreuzigten, vorstellt. Es ist jedoch ein- und dieselbe Speise von der himmlischen Weide, die sowohl von den Tieren wiedergekäut als auch vom Menschen genossen wird, die dem Mann Kräfte gibt und dem Kleinkind als Nahrung dient.


VII. Nazareth

 13. Man sieht auch Nazareth, das Blume bedeutet, in dem jener, der in Bethlehem geboren war, heranwuchs wie eine Frucht an der Blume. Er, das Gotteskind, wuchs so heran, daß der Duft der Blume dem Geschmack der Frucht vorausging, und sich aus der Nase des Propheten der heilige Duftstrom in die Kehlen der Apostel ergoß. Während die Juden mit dem schwachen Duft zufrieden waren, sollte dieser Strom die Christen mit gediegenem Geschmack erquicken. Diese Blume hatte schon Nathanael gerochen, weil sie über alles lieblich duftete. Deshalb sprach er: „Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen?“ (Joh 1,46) Aber keineswegs nur mit dem Duft allein zufrieden, folgte er Philippus, der ihm zur Antwort gab: „Komm und sieh!“ (Joh 1,46) Und so erfreut durch die Ausströmung jener wunderbaren Süßigkeit, nach dem Geschmack gieriger geworden, folgte er dem Geruch und mühte sich ohne Zögern, bis zur Frucht zu gelangen, indem er sich sehnte, voller zu erfahren, was er undeutlich vorausempfunden, und als Anwesender zu verkosten, was er als Abwesender verspürt hatte. Wir wollen auch vom Geruchssinn des Isaak sehen, ob er nicht etwas anzeigte, was sich auf das bezieht, was wir behandeln. Die Schrift spricht von ihm so: „Sobald er den Duft seiner Kleider roch“ - ohne Zweifel von Jakobs Kleidern -, sagte er: „Mein Sohn duftet wie ein reiches Feld, das der Herr gesegnet hat “ (Gen 27,27) Er roch den Duft des Kleides, er kannte aber noch nicht die Gegenwart des Gekleideten. Und nur nach außen vom Duft des Kleides wie von einer Blume ergötzt, verkostete er nicht die Süße der darin verborgenen Frucht, weil er zugleich getäuscht wurde sowohl im Sohn, dem Erwählten, wie auch in der Erkenntnis des Geheimnisses. Worauf bezieht sich das? Sicher ist das Kleid des Geistes der Buchstabe, wie das Fleisch das des Wortes ist. Aber nicht einmal jetzt erkennt der Jude das Wort im Fleisch, die Gottheit im Menschen, noch sieht er unter der Hülle des Buchstabens den geistigen Sinn; und indem er äußerlich das Fell des Böckchens betastet, das die Ähnlichkeit des Älteren, das ist die des ersten alten Sünders, versinnbildlicht hatte, kommt er nicht zur bloßen Wahrheit. Nicht im Fleisch der Sünde, sondern in der Ähnlichkeit des sündigen Fleisches erschien er, der kam, nicht um die Sünde zu begehen, sondern sie hinwegzunehmen. Sicher kam er aus dem Grund, den er nicht verschwieg, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind würden. Also durch die Ähnlichkeit getäuscht, segnet der Prophet noch heute blind jenen, den er nicht kennt: Er liest von ihm eifrig in den Büchern, er kennt ihn nicht an den Wundern und, auch wenn er ihn mit eigenen Händen greift, ihn fesselt, geißelt und ohrfeigt, erkennt er ihn doch nicht an seiner Auferstehung. „Hätten sie nämlich den Herrn der Herrlichkeit erkannt, so hätten sie ihn niemals gekreuzigt.“ (1 Kor 2,8) Wir wollen nun in Kürze auch die übrigen heiligen Stätten durchwandern. Wenn nicht alle, so wollen wir doch wenigstens einige, und zwar die hervorragenden, wenn auch nur kurz, in Erinnerung bringen, weil wir nicht imstande sind, sie einzeln angemessen zu bewundern.

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